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Ich-Entwicklung
Kompakt

An dieser Stelle gehe ich etwas detaillierter auf das Entwicklungsstufenmodell nach Loevinger, Cook-Greuter und Binder ein und zeige ein paar Besonderheiten auf. Grundsätzliches zu unserem ICH und zur Ich-Entwicklung ist auf der Seite zum Ich-Entwicklungs-Coaching beschrieben.

Zur Übersicht die Entwicklungsstufen und die Verteilung des Vorkommens in der erwachsenen Bevölkerung:

 [Datenbasis: Rooke & Torbert, 2005]

Erste grundlegende Überlegungen zur Darstellung der geistigen Entwicklung des Menschen anhand von Stufen wurden durch Jean Piaget und Lawrence Kohlberg entwickelt. Darauf aufbauend entwickelte Jane Loevinger in den 1970ern auf Basis wissenschaftlich statistischer Forschung die Grundlage des hier verwendeten Stufenmodells. Es wurde ab 1990 durch Susanne Cook-Greuter noch um die Stufen E9 und E10 ergänzt und. Dr. Thomas Binder passte das Modell 2015 weitergehend an und machte es in deutscher Sprache verfügbar und anwendbar. Dieses Stufenmodell setzt sich mit den Entwicklungsstufen erwachsener (!) Menschen auseinander.

(Daher ist auch die Stufe E1 nicht aufgeführt, weil sie im Grunde nur bei Kleinkindern vorkommt. Die Stufe E2 kommt bei erwachsenen Menschen ebenfalls nur sehr selten vor. Sie entspricht in etwa dem psychisch-strukturellen Entwicklungsgrad von Vorschulkindern. Jedoch: Achten sie einmal auf das Verhalten stark alkoholisierter Personen: Diese regredieren unter akuter Intoxikation teils bis auf diese Stufe zurück. Ein dauerhaftes Vorliegen der Stufen E1 und E2 bei erwachsenen Menschen deutet auf Störungen hin. Schulkinder bis hin zur Pubertät ähneln im Rahmen ihrer normalen Entwicklung der E3-Struktur, nur dass diese Phase bei Kindern eben noch zur gesunden Entwicklung eigener Autonomie gehört. Bei erwachsenen Menschen geht die E3-Struktur nicht selten mit deutlich höheren Ausprägungen von Narzissmus und/oder Soziopathie, also Unfähigkeit zu sozialer Anpassung einher. Die Stufe E4 wäre auf Kinder bezogen die normale Entwicklungsphase der Pubertät) 

Zunächst ein paar wichtige Informationen zu den Stufen:​

  • Jeder Mensch durchläuft im Zuge seiner Entwicklung vom Kinde hin zum Erwachsenen neben einer körperlichen Entwicklung auch eine psychisch-Strukturelle Entwicklung (= Ich-Entwicklung). Wo er / sie sich dabei gerade befindet kann anhand dieser Stufen dargestellt werden. Diese Stufen sind Ergebnis aus über 50 Jahren wissenschaftlicher Untersuchungen.
  • Jede Entwicklungsstufe steht für eine Art & Weise, wie ein Mensch sich selbst und seine Umwelt wahrnimmt und infolge deutet. Das hat gravierende Auswirkungen auf sein Denken, Empfinden, Handeln und seine Beziehungsgestaltung. Diese jeweils stufenspezifische Art & Weise des Denkens kann anhand spezieller Testverfahren wissenschaftlich gemessen und den Stufen recht genau zugeordnet werden.
  • Ebenso wie man keine körperliche Entwicklungsphase überspringen kann, so kann man auch keine psychisch-strukturelle Entwicklungsphase überspringen. Man durchläuft auf dem Weg eigener Ich-Entwicklung jede einzelne dieser Stufen und kann keine überspringen.
  • Ich-Entwicklung verläuft über die Kindheitsjahre nahezu automatisch, wird dabei aber sehr durch Einflüsse der Umgebung beeinflusst. Zusammen mit der letzten Entwicklungsphase des Gehirns kommt dieser Entwicklungsprozess mit ca. 25 Lebensjahren dann zum Erliegen. Ab da muss man aktiv daran arbeiten, um weitere Ich-Entwicklung zu ermöglichen. Dominanter Fokus unserer Gesellchaft ist es aber, Kompetenzen zu erwerben. Der Entwicklung der Ich-Struktur wird ab der Jugend kaum noch Aufmerksamkeit zuteil. So kommt es, das ca. 80 % der Bevölkerung ihr übriges Leben auf konventionellen Entwicklungsstufen (E4 - E6) verbleiben - also der jeweiligen Entwicklungsstufe, die sie mit etwa Mitte zwanzig erreicht haben. Sie entwickeln zwar ihre fachlichen Kompetenzen noch weiter (horizontales Lernen), nicht aber die Struktur ihres SELBST (vertikale Entwicklung).

Nachfolgend eine kompakte Übersicht dazu, wie sich Entwicklungsstufen äußern:

Stufencharakteristika.png

Auch zu diesen Stufen-Charakteristika ein paar wichtige Informationen:​

  • Dies ist eine kompakte Kurzdarstellung, die nicht auf Details eingeht, also keine vollständige Auflistung und ohne weitergehende Erläuterungen
  • Es handelt sich hier um typische Anzeichen für innere Strukturen, wie sie sich insbesondere in Satzergänzungstests offenbaren. Was aber nicht bedeutet, dass alle Menschen auf gleicher Stufe nun innerlich genau so "ticken" oder sich nach außen so darstellen. Einzelne Charakteristika / Merkmale sind in der Regel grundsätzlich und von Person zu Person unterschiedlich stark ausgeprägt. Hinzu kommt, dass individuelle Persönlichkeitsmerkmale (die bei der Ich-Entwicklung nicht berücksichtigt werden!) Menschen auf gleichen Stufen sehr unterschiedlich erscheinen lassen. Nahezu alle Menschen tragen im Alltag mehr oder weniger ihre Masken und befinden sich in wechselnden Rollen und Zuständen. Anhand des einmaligen Auftretens einer Person kann man nicht auf deren Entwicklungsstufe schließen. Womit eine wichtige Regel angesprochen ist: Man schließe niemals anhand einer einzelnen Äußerung oder einzelnen Beobachtung auf die Entwicklungsstufe einer Person! Erst durch einen entsprechenden Test oder durch längere Beobachtung einer Person, können speziell darin eingewiesene und ausgebildete Fachkräfte recht zuverlässig auf den Entwicklungsgrad einer Person schließen.
  • Menschen können von ihrer jeweiligen Stufe aus auf Denk- und Handlungsmuster früherer Stufen zurückgreifen, sei es bewusst (z.B. im Spiel mit Kindern) oder unbewusst (z.B. Regression unter Stress / Ärger). Das liegt daran, dass eine durchlebte Stufenstruktur auch weiterhin verfügbar und abrufbar bleibt. Man kann aber nicht auf Strukturmuster späterer Stufen, die man noch nicht erlangt hat, vorausgreifen. Das liegt schlicht daran, dass diese Muster noch nicht erlebt und infolge noch nicht erlernt wurden.
  • Kein Mensch sucht sich seine Entwicklungsstufe aus, als wäre das eine freie Entscheidung. Jede Stufe bietet Ihre Potentiale und zugleich Begrenzungen im Denken, Fühlen und Handeln. Wenn auch nicht allein verantwortlich, so nimmt die Entwicklungsumgebung, also eine Gesellschaft oder Gruppe, in der wir lange Lebenszeit (u.a. Kindheit) verbringen, nachweislich Einfluss auf unsere Entwicklung. In einer durchweg feindseligen, gewaltvollen oder sozial unzuverlässigen Umgebung mag es im Einzelfall zwecks Überleben schlicht Sinn machen, nicht über eine egoistisch kämpferische E3 oder eine hochgradig systemkonforme E4 hinauszuwachsen. Entwicklung ist auch immer ein Stück weit Anpassungsstrategie des Menschen, nur eben nicht bewusst. In einem liebevollen, von Toleranz und gegenseitiger Akzeptanz geprägten Umfeld ist die Voraussetzung für Ich-Entwicklung einfach günstiger. Ein Garant für Entwicklung ist sie aber auch nicht. Wie in der Psychologie häufig zugrundeliegend kann auch hier davon ausgangen werden, dass persönliche Ich-Entwicklung multifaktoriell beeinflusst wird: familiär, sozial, kulturell, genetisch etc.

Was bedeutet das nun alles? Ich gebe ein paar Einblicke, was damit allein gesellschaftlich alles zusammenhängt:

  • Ein Großteil unserer Gesellschaft (~ 80%) befindet sich vom Grad der Ich-strukturellen Entwicklung auf konventionellen Stufen (E4-E6). Das prägt einerseits unsere Gesellschaft und schafft andererseits wieder auch die Umgebung, in der sich Individuen unserer Gesellschaft entwickeln. Unsere westliche leistungsorientierte Industriegesellschaft ist, wie man an der Verteilung der Stufen sehen kann, unter anderem geprägt durch ein hohes Maß an Gruppenkonformität (E4), Spezialistentum (E5) und Eigenbestimmtheit (E6). Letztere werden mitunter auch als "Leistungsmenschen" bezeichnet, die in unserer Kultur als Optimum persönlicher Entwicklung im Kontext einer funktionierenden Gesellschaft gesehen werden. Eine Entwicklung darüber hinaus unterstützt unsere Gesellschaft eher nicht. Das mag daran liegen, dass auf späteren post-konventionellen Stufen alle Ansichten, Werte & Normen im Innen und im Außen erneut auf den Prüfstand gestellt und vielfach als konstruierte Realitäten erkannt werden - ohne sie deswegen gleich abzulehnen! Mit dieser Öffnung gegenüber der Komplexität von Realität kann eine Leistungsgesellschaft oft nichts anfangen. Werden Zeit, Arbeit und infolge Leistung grundsätzlich (also nicht nur mit Ziel möglicher Leistungssteigerung) hinterfragt, dann wirkt das für eine auf Leistung fixierte Gesellschaft störend und bedrohlich. Die damit einhergehenden weitreichenden gesellschaftlichen Chancen eines besseren und gesünderen Miteinanders werden nicht erkannt. Wenn dann auch noch auf die Bedürfnisse des Menschen hingewiesen wird, bringt es das Fass schnell zum Überlaufen. In einer Leistungsgesellschaft haben Menschen zu funktionieren ohne Grundsatzfragen zu stellen. Konzepte wie emotionales Verständnis oder Selbstverwirklichung haben hierzulande gerade unter älteren Generationen mitunter immer noch einen sehr sperrigen Ruf und werden gerne abfällig bis aggressiv beiseite geschoben. Transgenerationale (Kriegs-) Traumata und Epigenetik sind hier bedeutende und aktuelle Querschnittsthemen. Und damit wurden und werden weiterhin wesentliche Grundbedürfnisse und natürliche Wesenszüge des Menschen beiseite geschoben und unterdrückt, was sicherlich auch zur immens wachsenden Zahl psychischer Erkrankungen beiträgt. Jährlich sind bereits rund 30% unserer Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen, Tendenz steigend. Menschen mit einer psychischen Erkrankung wiederum sind nach wie vor gesellschaftlich, beruflich und sogar versicherungstechnisch stigmatisiert, weswegen sich nur ca. 18% aller Betroffenen in Behandlung begeben. Die Abwärtsspirale ist in vollem Gange. Und es wird wohl weiter abwärts gehen, solange unsere Gesellschaft nicht lernt, jedem einzelnen Menschen wieder respektvoll, wertschätzend zu begegnen und diejenigen in die Schranken zu weisen, denen Respekt und Wertschätzung abgeht. Am besten gelänge dies mit post-konventionellen Denk- und Handlungsstrukturen.
  • Gerade in den vergangenen Jahren konnte man wieder gut beobachten, was passieren kann, wenn frühe Entwicklungsstadien von Erwachsenen mit zusätzlich zu vermutenden Persönlichkeitsstörungen zusammenfallen. Menschen mit einem geschätzten Entwicklungsniveau einer vor-konventionellen E3 führen ganze Nationen an den Rand des Abgrundes, betreiben gesellschaftliche Spaltungen oder zetteln Kriege an. (An dieser Stelle ausdrücklicher Hinweis, dass Menschen auf vor-konventionellen Stufen keineswegs automatisch zu Tyrannen oder Autokraten werden! Es bleibt auf allen Stufen stets eine mehr oder minder freie individuelle Entscheidung, die inneren Kompetenzen konstruktiv oder destruktiv einzusetzen. Es bedarf in der Regel also zusätzlicher Entwicklungsdefizite und Störungen, um hochgradig destruktiv zu agieren.) Wieso schaffen es manche dieser Menschen mit derart frühem Ich-Entwicklungsniveau, so viele Menschen, die unlängst spätere Entwicklungsstufen erreicht haben, in ihren Bann zu ziehen und zu begeistern? Ist es vielleicht das E4-typische, bisweilen unterwürfige Verlangen nach Führung, einem starken Idol und nach Zugehörigkeit zu einer coolen, starken & überlegenen Gruppe? Oder ist es eine E4-typische Konfliktscheu, selbst in Gegenwart offensichtlicher Menschenverachtung bloß nirgends anecken zu wollen, um nicht kritisiert und vielleicht vor anderen bloßgestellt zu werden? Oder ist es die E5-typische Sympathie für Menschen mit (vermeintlicher) Expertise, die endlich mal wieder "Klare Kante" zeigen, sich kraftvoll durchsetzen und Effizienz zur Schau stellen - die also so richtige "Macher" sind? Oder ist es eine E5-typische Haltung, sich auch in Gegenwart offensichtlicher Menschenverachtung rauszuhalten, um lieber weiter ungestört der eigenen fachlichen Expertise nachgehen zu können ("Das geht mich nichts an," oder "Zu einem Konflikt gehören immer zwei."), weil eine Auseinandersetzung mit zwischenmenschlichen Themen unbewusst oft noch zu komplex und zu überfordernd ist und eine Unterscheidung zwischen Konflikt und einseitiger Gewalt noch zu überfordernd ist? Oder ist es die E6-typische Bewunderung für scheinbar selbstoptimierte Menschen, die forsch eine eigene (leider unerkannt unsoziale) Meinung verteten und kurzfristig durch unkonventionelle Taten beeindrucken und Großes versprechen? Destruktiv veranlagte erwachsene Menschen auf der Stufe E3 sind oft hochgradig manipulativ, nicht selten sehr charismatisch und sie können Menschen das Blaue vom Himmel versprechen. Das macht ihnen Spaß, denn Mitmenschen sind für sie eher noch Objekte wie Puppen, mit denen gespielt wird. Menschen haben für sie einen reinen Funktionswert, keinen Beziehungswert. Sie fühlen sich entsprechend in ihrem Wirkebestätigt und grandios, wenn ihnen dieses Spiel immer und immer wieder gelingt. Sie tun das alles nicht aus Nächstenliebe oder für die Bevölkerung. Sie tun es ausschließlich aus Eigennutz und zur Umsetzung ihrer manchmal schon wahnhaften Ideen und Größenphantasien. Der grundsätzliche Stockfehler konventioneller Stufen (E4-E6) ist es, diesen megalomanen "Führern" auf vor-konventioneller Stufe moralische, ethische und soziale Kompetenzen zu unterstellen, die Menschen auf der Stufe E3 aber noch gar nicht entwickelt haben. Denn diese Kompetenzen entwickeln sich erst richtig ab der Stufe E4 und später. Konventionelle Sympathisanten des Anführers unterstellen ihm diese Kompetenzen, auf dass er gottgleich omnipotent erscheine und die Nation in ein neues paradiesisches Zeitalter führe. Koventionelle Gegner unterstellen dem Autokraten diese Kompetenzen in der festen Überzeugung und Hoffnung, er müsste doch irgendwann "wieder" zur moralischen Vernunft kommen oder man könne mit ihm auch sachlich und fair verhandeln. Ein Fehlglaube, denn Menschen können nicht "wieder" auf Kompetenzen zurückgreifen, die sie noch gar nicht entwickelt haben, auch wenn sie mittlerweile erwachsen sind. Und sie werden diese Kompetenzen auch nicht kurzerhand entwickeln. Menschen der Stufe E3 sind primär machtorientiert: "Der Stärkere gewinnt" und "Auge um Auge" sind Glaubenssätze der Handlungslogik. Soziale Belange werden nicht berücksichtigt, außer es bringt einen rein persönlichen Vorteil. Erwachsene Menschen auf der E3 sind psychisch-strukturell in gewisser Weise auf dem Niveau vorpubertärer Kinder stecken geblieben. Wir neigen dazu, unser persönliches (und unbewusstes) Maß an Entwicklung auch bei unseren Mitmenschen als gleichermaßen gegeben zu erwarten. Genausogut könnten sie aber einem Grundschüler abverlangen, komplexe mathematische Gleichungssysteme zu lösen. Erwachsene Menschen auf der Stufe E3 haben aber dennoch im Leben viel über Beobachtung von Mitmenschen gelernt. Sie empfinden Dinge wie Regeln, Gefühle, Verantwortung, Schuldempfinden, Moral, Nächstenliebe eher als "Schwäche" der anderen - als hätten Mitmenschen da eine nicht nachvollziehbare irrationale Störung. Und Schwächen kann man gut ausnutzen. Und so nutzen destruktiv- machtbesessen veranlagte Menschen das dann manipulativ gnadenlos zur Erreichung ihrer rein egoistischen Ziele aus. Warum auch nicht? So funktioniert das schließlich seit Jahrtausenden zuverlässig. Fragen sie mal Machiavelli... Nationen werden auch solange und immer wieder auf diesen Typ Anführer hereinfallen, bis sie sich im Schnitt deutlich Richtung post-konventioneller Stufen weiterentwickelt haben. Die persönlichen Voraussetzungen dazu trägt jeder von uns in sich. Auch Einstein merkte einst an, dass die Welt mehr bedroht sei durch diejenigen, welche das Übel dulden oder ihm Vorschub leisten, als durch die Übeltäter selbst. Destruktive Machtmenschen mit vor-konventioneller Entwicklungsstruktur, die anstreben, Macht an sich zu reißen, wird es immer geben. Eine deutlich höhere Immunität der Massen gegen Verführung & Verblendung wäre hingegen durch vermehrt post-konventionelle Entwicklung gegeben.
  • Menschen auf post-konventionellen Stufen gibt es in unserer Gesellschaft aus bereits angedeuteten Gründen anteilig nur verhältnismäßig wenige (max. 15%). Gerade Menschen auf postkonventioneller Ebene gelingt es aber erst, sich der Illusion von Gedanken und Identitäten bei sich selbst und bei anderen bewusst zu werden. Wie sinnvoll mögen Gewalt, Verachtung & Missgunst gegenüber anderen Menschen noch erscheinen, wenn man sich der Illusion der dafür zugrunde liegenden (neurotischen) Gedanken und des Prozesses der ICH-Bildung an sich bewusst wird? Könnte es einem friedvollen und wertschätzenden Miteinander daher nicht dienlich sein, wenn wesentlich mehr Menschen post-konventionelle Strukturen entwickeln würden? Wer nun auf die Idee käme, dass dann doch am besten nur Menschen mit post-konventionellem Entwicklungsniveau "an die Macht" kommen sollten, unterliegt allerdings einem Annahmefehler: Menschen auf post-konventionellen Stufen haben kaum noch Interesse an Macht (im dominanten Sinne), Dominanz, Führung usw. Sie lieben sicherlich Macht in Form gemeinsamer, konstruktiver Gestaltungsräume -- also der Möglichkeit/Macht, Entwicklung zu fördern und die dazu erforderlichen Umgebungen zu gestalten. Sie lehnen aber Macht in Form dominanter Durchsetzung irgendwelcher Ziele, Ausgrenzung und Unterdrückung Anderer ab, da die dahinterliegende Neurotik durchdrungen wird. Machtspielen und Intrigen in Gruppen setzen sie sich nicht unnötig lange aus. Es zieht sie eher dahin, wo sie friedvoll, liebevoll und biophil gestalten und unterstützen können. Vielleicht ist das neben der Ursache der Vorkommenshäufigkeit ein zusätzlicher Grund, weswegen post-konventionelle Führungskräfte in vor-konventionell bis früh konventionell geprägten Organisationen nicht zu finden sind. In denen steht neben beliebiger Aufgabenerfüllung dann doch primär das Streben nach Status, Macht, Postengerangel und Vorteilsergreifung im Vordergrund. Auch an übermäßig leistungsorientierten Organisationen haben post-konventionelle Führungskräfte und Beschäftigte kaum Interesse, da die erforderlichen Randumstände für eine gesunde, wertschätzende Selbstentwicklung dort in der Regel nicht gegeben sind, und der Mensch letztlich lediglich als sachliche Ressource - also als Objekt - gesehen wird. Und doch könnten wir alle zumindest in zwischenmenschlicher Hinsicht sehr davon profitieren, wenn in unserer Gesellschaft deutlich mehr Menschen post-konventionelle Entwicklungsstufen erreichen würden. Dann wären eine liebevolle Begegnung untereinander, gegenseitiger Respekt, Akzeptanz und Toleranz vor individuellen Unterschieden insgesamt viel selbstverständlicher.
  • Positiv betrachtet wird eine Gesellschaft erst wirklich vielfältig und interessant mit Menschen auf allen verschiedenen Entwicklungsstufen. Jede Stufe bringt ihre eigenen Stärken mit, die alle zur jeweiligen Zeit am jeweiligen Ort in jeweiliger Situation wichtig sind und gebraucht werden. Menschen sind nicht schlechter oder besser, wenn sie irgendeine Stufe erreicht haben. Nur wäre es hilfreich, wenn wir alle die Kompetenzen unserer verschiedenen Stufen im Sinne Erich Fromms in zunehmend biophiler Weise anstatt in derzeit zunehmend nekrophiler Weise einsetzen würden. Gesellschafliche Entwicklung über ein konventionelles Niveau hinaus wäre dann vermutlich bereits ein Selbstgänger.

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